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Bündnis nachhaltiges Wirtschaften Pfaffenhofen (BNWP)


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Naturgartenexperte David Seifert im Interview zu Kuglhof 2

David Seifert ist in der Region bekannt als Naturgartenexperte und professioneller Planer für die Gestaltung naturnaher Firmenareale und öffentlicher Anlagen.

Naturgartenexperte David Seifert

Herr Seifert, ist ein naturnahes Gewerbegebiet möglich? David Seifert: Ja, ist es. Was bedeutet in diesem Zusammenhang „naturnah“? David Seifert: 1) Grünflächen, die meist aus Rasen bestehen, werden zu vielfältigen heimischen Blumenwiesen (autochthon), Blumensäumen oder Blumen-Kräuter-Rasen. Hier finden Insekten Nahrung (und dienen später wiederum Vögeln, Igeln, Reptilien etc. als Nahrung).


2) Regenwasser das meist abgeleitet wird, wird auf dem Gelände versickert. So entstehen Wasserläufe, temporäre Gewässer und dauerhafte Teiche als Lebensräume z. B. für Amphibien, also Frösche.


3) Fassaden, die meist unbewachsen sind, werden mit heimischen Kletterpflanzen begrünt, damit z. B. Vögel Unterschlupf und Brutmöglichkeit finden aber auch Insekten Nahrung an den Blüten der Pflanzen.


4) Funktionsflächen werden wasserdurchlässig gestaltet, um Versiegelung zu verhindern. Nach Möglichkeit werden auch Nutzungsflächen begrünt, z. B. mit einem sog. „Blumen-Schotterrasen“ als Parkplatzbelag. So sind Flächen wirtschaftlich nutzbar und trotzdem nützlich für die Natur.


5) Dachflächen werden intensiv begrünt, sodass echte, vielfältige Blumenwiesen auf den Dächern entstehen, von denen eine Vielzahl bedrohter Insekten profitiert. Im Übrigen sind auch viele Wiesenpflanzen bedroht, die hier wachsen können.


6) Aus Schnitthecken oder Gabionen werden artenreiche, heimische Strauchhecken (ebenfalls gebietsheimisch) oder Schichtholz-Hecken. Vögel finden Nahrung, Nistmöglichkeit, Insekten wie Käfer finden Nahrung wie Totholz, Bienen finden Nektar an den Blüten, usw.


7) Beleuchtung im Außenbereich ist insektenfreundlich gestaltet, sodass keine Insekten angezogen werden und an den Lampen verenden, weil sie sich in ihrem Flug eigentlich nach dem Mond richten.


Sie sehen, wenn man Vielfalt in ein Gelände bringt, schafft es eine Menge Nutzen für die heimische Flora und Fauna. Der wirtschaftliche Nutzen geht dabei nicht verloren und steht bei einem Gewerbegebiet natürlich im Vordergrund. Aber die Flächen können ja nützlich und wirtschaftlich zugleich gestaltet werden, wenn man es anders macht, als konventionell. Was bedeutet „naturnah“ im Allgemeinen? Was zeichnet eine naturnahe Gestaltung aus? David Seifert: Am einfachsten ist es am Beispiel von Pflanzen erklärt. Mit jeder heimischen Pflanze sind im Schnitt etwa zehn heimische Tiere verbunden (lt. R. Witt). Das heißt, die Tiere können mit den Pflanzen etwas anfangen, sprich Nektar oder Pollen sammeln, an Blättern nagen, Säfte saugen, Früchte fressen. Bei fremdländischen Pflanzen ist das nicht der Fall. Mit ihnen können unsere heimischen Tiere in der Regel wenig bis nichts anfangen, aufgrund ihrer hohen Spezialisierung auf zum Teil bis zu einer spezifischen Pflanze. Daher achtet eine naturnahe Gestaltung auf hohe Artenvielfalt, gerade in Europa oder sogar Deutschland heimischer Pflanzenarten und verzichtet im besten Falle komplett auf Exoten. Und natürlich geht es über die Pflanzenvielfalt hinaus. Es wird versucht, Lebensräume zu schaffen. Ein Frosch braucht einen Teich im Frühjahr, um dort Eier (Laich) zu legen, damit die Nachkommen aufwachsen können. Amphibien brauchen Insekten als Nahrung. Die Insekten (das hatten wir schon) brauchen bestimmte einheimische, zum Teil sogar gebietsheimische Pflanzen. Im Winter braucht der Frosch einen frostfreien Unterschlupf, z. B. Große Holzstämme. Bei naturnahen Arealen werden alle diese Faktoren in der Ausgestaltung des Geländes berücksichtigt und in Einklang mit Nutzung und Ästhetik gebracht.

David Seifert plant naturnahe Firmenareale

An welchen Kriterien lässt sich messen, ob ein Gewerbegebiet naturnah gestaltet ist? David Seifert: Im Grunde ist es wichtig, eine Kriterienliste zu erarbeiten aber einige der wesentlichen Kriterien, die ich nenne kann sind:

  • Die gesamte Fläche wird naturnah (mit heimischen Pflanzen und Lebensräumen) gestaltet

  • Alle Dachflächen werden intensiv begrünt mit min. 20 cm Intensiv-Dachsubstrat und der Ansaat von geeigneten, heimischen Wildstauden (und Zwerggehölzen)

  • Das Wasser der Dächer wird oberflächlich versickert in artenreich bewachsenen Mulden und in Teichen dauerhaft gespeichert als Lebensraum zahlreicher Amphibien

  • Es wird mit min. 70%+ Anteil heimischer Pflanzen gearbeitet

  • Alle Flächen werden möglichst versickerungsoffen gestaltet und nach Möglichkeit heimisch bepflanzt

  • Anstelle Rasenflächen gibt es Wildblumen-Wiesen mit heimischen Wildstauden, Wildstauden-Säume, etc. auf denen sich z. B. Schmetterlingsraupen entwickeln etc.

  • Alle Fassaden die min. einen Meter ohne Unterbrechung von Fenstern sind, werden naturnah begrünt z. B. Mit Kletterrosen oder heimischen Clematis

  • Sog. „Naturmodule" wie Steinriegel (Lesesteinhaufen), Sandarien (Sandflächen), Totholz, etc. werten die Anlage auf und bringen zusätzlichen Lebensraum z. B. für Eidechsen, deren Eier im heißen Sand von der Sonne ausgebrütet werden

  • Es wird auf Beleuchtung verzichtet, bedarfsbezogen beleuchtet (Bewegungsmelder) und alle Lampen im Außenbereich sind insektenfreundlich und nur so hell wie unbedingt nötig

  • Die naturnahe Umsetzung der öffentlichen Flächen muss im Bebauungsplan festgeschrieben werden sowie alles, was man in Punkto privater Firmenflächen dort regeln kann. Alle weiteren Kriterien müssen privatrechtlich mit einem Vertrag beim Kauf der Flächen abgesichert werden und mit einer hinterlegten Kaution eingefordert werden können Man kann sich auch Minuspunkte vorstellen wie etwa …

  • Die Verwendung von PVC im Außenbereich

  • Der Einsatz von Mährobottern etc.

Wieso profitieren unsere heimischen Tiere nur von heimischen Pflanzen? David Seifert: Das ist evolutionsbedingt einfach so, weil bei uns ursprünglich vorkommende Pflanzen sich zusammen mit ihren Tieren entwickelt haben. Ausländische Pflanzen, die der Mensch von USA, Asien oder Afrika hergebracht hat, haben Abwehrmechanismen, welche unsere heimischen Tiere nicht überwunden haben, sind für die also giftig, ungenießbar etc. und damit wertlos als Futterquelle. Bei uns sind viele Insekten so spezialisiert, dass sie nur auf einige wenige oder gar nur auf eine Pflanze angewiesen sind. Fehlt diese Pflanze, fehlt das Tier, also das Insekt beispielsweise und ohne Insekten keine Vögel, keine Amphibien usw. Ist diese Art der Gestaltung teurer als eine „konventionelle“ Gestaltung mit Schurrasen und fremdländischen Gehölzen? David Seifert: Ja. Aber die Frage ist, was wollen wir? Wir wissen, dass wir das größte Artensterben seit dem Aussterben der Dinosaurier haben. Wir wissen, dass eine weitere Flächenversiegelung für uns und unsere Nachkommen problematisch ist. Gleichzeitig wollen wir Gewerbeflächen um regionale Arbeitsplätze zu schaffen und Wertschöpfung zu betreiben. Wenn wir ein nachhaltiges Gewerbegebiet bauen wollen, kann es nur naturnah sein. Wie sieht es mit der Ästhetik und Pflege aus? David Seifert: Die Pflege ist im Übrigen häufig weniger aufwändig und auf Dauer auch günstiger, als bei einer konventionellen Gestaltung. Aber auf die Kosten allein kann man so eine Entscheidung nicht abstellen. Was meist verkannt wird ist, dass eine naturnahe Fläche nicht nur nützlich ist, sondern auch schön, weil vielfältig bunt und lebendig. Sie bietet einen Erholungschrakter, den wir uns sonst und den Alpen holen. Danke für das Interview. Über Kuglhof 2: Das Gewerbegebiet wird mit hohem Anspruch an Nachhaltigkeit. Pfaffenhofen soll neue Industrie- und Gewerbeflächen bekommen. Am Kuglhof ist die Erweiterung des Gewerbegebiets geplant. Der Planungs-, Bau- und Umweltausschuss des Stadtrats hat im September 2022 einstimmig beschlossen, dass ein entsprechender Bebauungsplan aufgestellt werden soll. Die Stadt will dabei bestmöglich auf Nachhaltigkeit und Artenschutz achtet die Planung an die kommende Südumgehung andocken. www.kuglhof2.de Über Pfaffenhofen an der Ilm: In der Kreisstadt Pfaffenhofen (rund 27.000 Einwohner*innen) hat Nachhaltigkeit Tradition. Ob Global Player wie Hipp oder Daiichi Sankyo Pharma, bayerische Traditionsunternehmen wie die Brauerei Müllerbräu oder lokale Akteure wie die Bürger-Energiegenossenschaft oder die Direktvermarktungsinitiative Pfaffenhofener Land: alle haben in der Vergangenheit gezeigt, dass nachhaltiges Wachstum und wirtschaften möglich sind. Die Stadt Pfaffenhofen gilt zudem deutschlandweit als Vorreiterin für nachhaltige Mittelzentren. 2013 gewann die Stadt den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. www.pfaffenhofen.de


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